Der Weltenbummler
Von Wolfgang Ehlers am 14.06.2011 in Handball | Weitersagen:
Mann im Mittelpunkt: Bei den Heimspielen der SG Flensburg-Handewitt sorgt der 40-jährige Michael „Holzi“ Holst aus Krempel für hochtourige Handball-Stimmung. Foto: Jensen
Hallensprecher “Holzi” Holst, der als der beste der Bundesliga gilt, weckt auch international Begehrlichkeiten
Michael Holst ist hinter seinem Mischpult für jeden Spaß zu haben, aber die Gastfreundschaft dieser Herren zu strapazieren, käme ihm nie in den Sinn. Er hat Scheiben über Sex & Drugs & Rock´n Roll. „Holzi“ Holst legt sie auch gern auf, nur nicht hier. An heißer Musik kann man sich die Finger verbrennen, in Dubai, mit nicht viel mehr Zuschauern im Nacken als ein paar orthodoxen Scheichs.
Wenn wenige Zuschauer da sind, ist „Holzi“ Holst immer nervös. Er sagt das ohne Koketterie. Am schlimmsten sei es bei Hochzeitsgesellschaften, die er nach einem guten Essen zur Unterhaltung anregen soll. „Dann siehst du die Gesichter der Leute.“ In diesen Gesichtern kann man lesen, ob man gut ist.
Sechseinhalbtausend in der Campushalle sind anonym, eine Wand im Halbdunkel. Lärm entweicht ihren Mündern. Auch „Holzi“, der Hallensprecher, ist laut, trotzdem die Ruhe selbst.
Er sieht ja die Gesichter nicht.
Die Campushalle steht in Flensburg. Seit 2002 fährt Michael Holst ins Grenzgebiet. Der 40-Jährige ist nicht nur für die Moderation zuständig, seine Firma leiht der SG Flensburg-Handewitt auch Technik, Schall und Licht. Die Stimme der Campushalle ist er: „Holzi“.
Die Sache hat sich entwickelt, als NDR 2 Medienpartner des Handball-Bundesligisten war. Weil RSH den NDR als SG-Partner ablöste, musste sich Michael Holst entscheiden, ob er dabei bleiben wollte. Leicht fiel ihm die Entscheidung nicht. „Holzi“ war als Markenname beim NDR eingeführt und mit lukrativen Engagements beschäftigt. Die waren weg.
In diesem Moment wäre ein reicher Scheich von Nutzen, doch davon ist Holst viel Licht und einige Jahre entfernt. Er entwickelt dafür immer neue Aspekte der Hallen-Show, gibt den Spielern Namen und Noten. Wenn er Johnny Jensen vorstellt, den kantigen Norweger, ruft die Menge ein „Handball-Gott“ hinterher. Trifft Johnny Jensen ins Tor, lässt „Holzi“ harten Rock vom Band: „T.N.T.“ – „AC/DC“. Die Halle tobt.
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Wer die Leute auf den VIP-Plätzen aus der Fassung bringen kann – das muss wohl selber ein schräger Typ sein: dieser Ruf eilt „Holzi Holst“ ja auch seit seiner Zeit als Disc-Jockey und Zeltfest-Einheizer voraus. Doch in Krempel, im Zehn-Quadratmeter-Büro, ist nichts chaotisch. Zwei Computer-Bildschirme – hier Facebook, dort Handball –, die Papiere ordentlich abgeheftet, Demo-CDs stapeln sich auf einem Schreibtisch, der ein rundes „L“ formt.
Im Großraum nebenan türmen sich Boxen, hängen Strahler für das bunte Licht. Mit Sicherheit wird auch bei der nächsten Inventur nichts fehlen. Vor seiner Selbständigkeit war Michael Holst Lagerist.
Es ist dann das Angebot der SG Flensburg-Handewitt gekommen, die Ära der großen Erfolge und vielen Kontakte. Mit Handballern kann man jederzeit sprechen, auch mit den Gästen. Sogar Schwerreiche tragen, wenn es um Sport geht, das Herz auf der Zunge.
Solche sind Andreas Rudolph und Jesper Nielsen.
Ohne den ehemaligen Torwart Andreas Rudolph hätte es den HSV-Handball, Meister von 2011, nicht gegeben. Rudolph ist gern dabei, wenn sich Handballer Verrücktes einfallen lassen, etwa einen Trip ins Entwicklungsland USA. Viele Stars – angejahrt, aber noch in Schuss – lassen sich nicht lange bitten, weil Silvester in Manhattan ein Erlebnis ist.
Auch bei „Holzi“, obwohl terminlich bedrängt, braucht es keine Bettelei.
Michael Holst muss den Taxifahrer hetzen. Der Dithmarscher hat in der Neujahrsnacht noch St. Peter-Ording aufgemischt und erreicht in Zeitnot die Halle am Riverside Drive. Seine Stimme ist aber unverkennbar, auch über Eurosport.
USA – die neue Welt des Handballs: Missverständnisse inbegriffen. „Put your hands up in the air.“ Wenn er das in Deutschland spielt, klatschen die Leute. Hier in New York klatscht keiner. Lautlos gehen die Hände in die Höhe. Hat der Sänger ja befohlen.
Auf Mallorca, wo HSV-Boss Rudolph eine Finca besitzt, war „Holzi“ auch schon. Da wird dann wieder geklatscht.
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Jesper Nielsen hat, wie Andreas Rudolph, selber Handball gespielt. Mehr als fünf, aber weniger als zehn Millionen Euro will der Däne an die Rhein-Neckar Löwen verfüttert haben, deren Aufsichtsrats-Vorsitzender er ist. Ende des Monats muss Nielsen ausscheiden, weil er beim Heimatklub AG Kopenhagen in ähnlicher Funktion wirkt und der Bundesliga-Vierte sowie der dänische Meister in der Champions League aufeinandertreffen könnten.
Außerdem sind die Strukturen in Kopenhagen eher auf ihn zugeschnitten. Bei den Rhein-Neckar Löwen reden Manager und Trainer mit. „Beim AGK entscheide ich!“ Gerade hat dieser Jesper Nielsen entschieden, dass ein paar Stars der Rhein-Neckar Löwen nach Kopenhagen übersiedeln.
Denen blüht eine Atmosphäre wie in Flensburg, denn die Hallen-Show macht – Michael „Holzi“ Holst, den Jensen aus der Bundesliga kennt. In Kopenhagen haben sie ihn gleich als „besten Hallensprecher der Bundesliga“ vorgestellt.
Allein: Er kann kein dänisch.
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„Ich bin mehr der Coach“, sagt Michael Holst, was eine Untertreibung ist. Das Wort führt zwar der einheimische Torben Malmros. Alles andere jedoch erledigt der Mann aus Krempel. Damit hat er in Kopenhagen gut zu tun. „In der Campushalle gibt es Einschränkungen durch den Verband“, bedauert Holst. Die Dänen sind freizügiger. „Wenn nicht gerade einer zum Siebenmeter antritt, kannst du, sogar wenn das Spiel läuft, alles machen.“
Gern auch laut: Im „Parken“, dem Kopenhagener Stadion, haben sie das Meisterschaftsfinale – die Dänen spielen eine Art Playoff – als Freiluft-Veranstaltung dargeboten. 36 651 Zuschauer, Weltrekord für Klub-Handball, wollten auch in den obersten Reihe etwas hören. Das „Parken“ ist steil gebaut.
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Pfingsten war Michael Holst wieder in Dänemark. Er traf Christiansen, Eggert, Mogensen und andere, die – aktuell oder früher – für Flensburg-Handewitt warfen. Mit Dänemark qualifizierten sie sich für die Europameisterschaft. Die Musik kam vom Kopenhagen-erprobten „Holzi“, dessen Sommerpause in Sachen Sport kurz sein wird. Am 30. August steht er im Supercup-Finale zwischen dem HSV Hamburg und dem THW Kiel in München auf der Platte.
Der Supercup ist die Saisoneröffnung in der Handball-Bundesliga und für Holst eine kleine Entschädigung dafür, dass er das Pokal-Final-Four im Mai in Hamburg nicht machen durfte. Dafür war die SG Flensburg-Handewitt qualifiziert, und da fürchteten die Konkurrenten einen Wettbewerbsnachteil.
So ein Hallensprecher kann ganz schön wichtig sein.
Seine letztjährige Saisoneröffnung war jene in Dubai, wo die SG Flensburg-Handewitt auf Einladung eines Sponsors weilte. Dubai hat protzige Bauten; die Halle aber war alt und mäßig beschallt. Und dann noch die Scheichs im Nacken . . .
Abends an der Hotel-Bar kam Thomas Mogensen auf „Holzi“ zu, nahm ihn freundschaftlich in den Arm und wünschte schmissigere Tor-Musik. Seitdem tönt Rock´n Roll nach einem Mogensen-Tor.
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Ein Jahr zwischen Dubai, New York, Mallorca und Norddeutschland. Tatsächlich ist „Holzi“ nicht nur Geschäftspartner der SG Flensburg-Handewitt. Er ist auch Fan – „reingewachsen mit den Jahren“. Beim Abschiedsspiel für Torwart-Legende Jan Holpert haben sie ihn aufgefordert, selbst kurz zwischen die Pfosten zu gehen, weil er mal wieder die Klappe nicht gehalten und vom eigenen Torwartspiel beim MTV Schwabstedt geschwärmt hat. Michael Holst ist immer noch stolz auf seine Quote: „Einen von dreien gehalten.“
Freilich existieren widersprüchliche Versionen über das Helden-Epos. Nachdem Holpert einen Siebenmeter verwandelt und Schützenkönig Christiansen künstlerisch wertvoll getroffen hatte, prallte der dritte Ball tatsächlich vom zappeligen Aushilfstorwart ab. Flensburgs Spieler erzählen allerdings nie etwas von einem heroischen „Holzi“, eher von einem Nervenbündel.
Und, wie war das mit dem gehaltenen Ball? „Auf der Flucht erschossen.“
Michael Holst, der ziemlich nervös werden kann vor so wenigen Leuten, hat sich gleich wieder ins Mikrofon verbissen.
Dann ging es.




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